Koerperfettanteil: Welche Werte sind gesund?

Von Ruslan Adilgereev16. Juni 20267 Min. Lesezeit

Gesunder Koerperfettanteil liegt bei Maennern etwa 10-20 %, bei Frauen 18-28 %. Studien zeigen: Zu hohe und zu niedrige Werte erhoehen das Sterberisiko.

Der Koerperfettanteil beschreibt, welcher Anteil Ihres Koerpergewichts aus Fettgewebe besteht - eine oft aussagekraeftigere Groesse als das Gewicht allein. Was dabei als "gesund" gilt, haengt stark von Geschlecht und Alter ab, und die wissenschaftliche Datenlage zeigt: Es gibt nicht nur ein Zuviel, sondern auch ein Zuwenig.

Das Wichtigste in Kuerze

  • Gesunde Richtbereiche: Maenner etwa 10-20 %, Frauen etwa 18-28 % Koerperfett - Frauen liegen physiologisch hoeher, weil ein Teil als essenzielles Fett fuer den Hormonhaushalt noetig ist.
  • Alter zaehlt: Die als gesund geltenden Bereiche verschieben sich nach oben. In der Referenzarbeit von Gallagher et al. (2000) wurde fuer aeltere Erwachsene bei gleichem BMI ein hoeherer Fettanteil ermittelt.
  • U-foermiges Risiko: In einer Kohortenstudie mit ueber 49.000 Personen (Padwal et al. 2016) waren sowohl ein hoher Koerperfettanteil als auch ein niedriger BMI unabhaengig voneinander mit erhoehter Gesamtsterblichkeit verbunden.
  • Verteilung schlaegt Prozentwert: Bauchbetontes (viszerales) Fett ist staerker mit dem Sterberisiko verknuepft als der reine Gesamtfettanteil (Bigaard et al. 2005).
  • Zu wenig ist auch riskant: Dauerhaft sehr niedrige Werte koennen zu Hormonstoerungen, Knochenabbau und Leistungseinbruechen fuehren (IOC-Konsens zu RED-S, Mountjoy et al. 2018).

Was sagt die Wissenschaft?

Woher kommen die "gesunden" Bereiche?

Anders als beim Blutdruck gibt es fuer den Koerperfettanteil keine global verbindliche Grenzwert-Leitlinie. Die am haeufigsten zitierte Grundlage stammt von Gallagher et al. (2000) im American Journal of Clinical Nutrition. Die Forschenden leiteten aus Daten mehrerer Bevoelkerungsgruppen Vorhersageformeln ab (R-Werte 0,74-0,92), die den Koerperfettanteil aus BMI, Geschlecht, Alter und ethnischer Herkunft schaetzen. Daraus entwickelten sie Fettanteil-Bereiche, die den etablierten BMI-Grenzen (Untergewicht <18,5; Uebergewicht >=25; Adipositas >=30) entsprechen.

Zwei Befunde sind zentral: Frauen haben bei gleichem BMI rund 10 Prozentpunkte mehr Koerperfett als Maenner, und der gesunde Bereich steigt mit dem Alter. Die oft genannten Richtwerte - Maenner ca. 10-20 %, Frauen ca. 18-28 % - sind also keine starren Schwellen, sondern Naeherungen, die je nach Alter und Quelle variieren.

Zu viel Koerperfett: das Risiko ist real, aber differenziert

Padwal et al. (2016) untersuchten in Annals of Internal Medicine ueber 49.000 Erwachsene ab 40 Jahren mit per DXA gemessenem Koerperfett. Wenn BMI und Koerperfettanteil gemeinsam ins Modell aufgenommen wurden, war ein hoeherer Fettanteil eigenstaendig mit hoeherer Gesamtsterblichkeit verbunden. Wichtig: Es zeigte sich keine simple "je weniger, desto besser"-Linie, sondern ein U-foermiger Verlauf, bei dem auch niedrige Werte unguenstig waren.

Noch praeziser wird das Bild, wenn man die Fettverteilung betrachtet. In der danischen Kohorte von Bigaard et al. (2005) mit ueber 57.000 Personen erklaerte der Bauchumfang das mit ueberschuessigem Fett verbundene Sterberisiko - und blieb auch nach Adjustierung fuer den Gesamtfettanteil stark mit der Sterblichkeit assoziiert. Anders gesagt: Wo das Fett sitzt, ist oft wichtiger als die blosse Gesamtmenge. Deshalb ist das Taille-Hueft-Verhaeltnis eine sinnvolle Ergaenzung zum Fettanteil.

Zu wenig Koerperfett: das oft uebersehene Extrem

Sehr niedrige Werte sind kein automatisches Qualitaetssiegel. Der IOC-Konsens zu "Relative Energy Deficiency in Sport" (RED-S, Mountjoy et al. 2018) beschreibt, wie ein chronisch zu niedriges Energie- und Fettniveau zu einem ganzen Cluster von Stoerungen fuehren kann: gestoerter Menstruationszyklus, verringerte Knochendichte, beeintraechtigte Immunfunktion und schlechtere Leistungsfaehigkeit. Frauen brauchen physiologisch einen Sockel an essenziellem Fett (Groessenordnung etwa 10-13 %), Maenner deutlich weniger (etwa 3-5 %) - dauerhaftes Unterschreiten dieser Bereiche ist gesundheitlich problematisch.

Was heisst das praktisch?

  • Orientieren Sie sich am Bereich, nicht an einer Einzelzahl. Ein gesunder Koerperfettanteil ist eine Spanne, die mit dem Alter steigt. Ein 25-jaehriger Mann mit 14 % und eine 55-jaehrige Frau mit 27 % koennen beide voellig gesund sein.
  • Messen Sie Trends, nicht Momentaufnahmen. Hauswaagen mit Bioimpedanz-Messung schwanken stark je nach Wasserhaushalt. Vergleichen Sie lieber denselben Messzeitpunkt ueber Wochen. Den groben Wert koennen Sie mit dem Koerperfett-Rechner schaetzen.
  • Beziehen Sie die Fettverteilung ein. Ein Massband um die Taille kostet nichts und liefert laut Datenlage einen eigenstaendigen Hinweis auf das Risiko.
  • Steuern Sie ueber Energiebilanz und Eiweiss. Wer Fett reduzieren und Muskeln halten will, kombiniert ein moderates Defizit mit ausreichend Protein. Starten Sie mit Kalorienbedarf berechnen und Proteinbedarf berechnen.

Limitationen und Einordnung

Die genannten Studien sind ueberwiegend Beobachtungsstudien - sie zeigen Zusammenhaenge, keine eindeutige Ursache-Wirkung. Ein hoher Fettanteil kann teils Folge einer Erkrankung sein, nicht nur deren Ursache ("reverse causation"). Die "gesunden" Bereiche aus Gallagher et al. stammen aus statistischen Ableitungen entlang der BMI-Grenzen, nicht aus harten Endpunktstudien, und gelten nicht uneingeschraenkt fuer alle ethnischen Gruppen oder fuer Hochleistungssportler. Hinzu kommt: Alltagsmessmethoden (Bioimpedanz, Hautfalten, Online-Schaetzungen) haben einen Messfehler von mehreren Prozentpunkten. Der genaueste Wert allein aendert nichts - relevant sind Gesamtbild, Verteilung und Verlauf.

Fazit

Ein gesunder Koerperfettanteil ist kein einzelner Zielwert, sondern ein geschlechts- und altersabhaengiger Bereich - grob 10-20 % bei Maennern und 18-28 % bei Frauen, mit Spielraum nach oben im Alter. Die Evidenz zeigt eine U-foermige Risikokurve: Sowohl deutlich zu hohe als auch zu niedrige Werte sind mit gesundheitlichen Nachteilen verbunden. Wer den Fettanteil verstehen will, sollte ihn als eine von mehreren Kennzahlen lesen - neben Fettverteilung, BMI und Verlauf - statt einer einzelnen Prozentzahl nachzujagen.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Bei gezielten Fragen zu Gewicht, Koerperzusammensetzung oder Gesundheitsrisiken wenden Sie sich bitte an aerztliches oder ernaehrungsmedizinisches Fachpersonal.

Wissenschaftliche Quellen

  • [1]

    Gallagher D, Heymsfield SB, Heo M, Jebb SA, Murgatroyd PR, Sakamoto Y. "Healthy percentage body fat ranges: an approach for developing guidelines based on body mass index." The American Journal of Clinical Nutrition, 2000.

  • [2]

    Padwal R, Leslie WD, Lix LM, Majumdar SR. "Relationship Among Body Fat Percentage, Body Mass Index, and All-Cause Mortality: A Cohort Study." Annals of Internal Medicine, 2016.

  • [3]

    Bigaard J, Frederiksen K, Tjonneland A, Thomsen BL, Overvad K, Heitmann BL, Sorensen TI. "Waist circumference and body composition in relation to all-cause mortality in middle-aged men and women." International Journal of Obesity, 2005.

  • [4]

    Mountjoy M, Sundgot-Borgen JK, Burke LM, et al.. "IOC consensus statement on relative energy deficiency in sport (RED-S): 2018 update." British Journal of Sports Medicine, 2018.

Häufige Fragen

Welcher Koerperfettanteil ist fuer Maenner und Frauen gesund?
Als grobe Orientierung gelten bei Maennern etwa 10-20 % und bei Frauen etwa 18-28 % Koerperfett. Frauen liegen physiologisch hoeher, weil ein Teil als essenzielles Fett fuer den Hormonhaushalt benoetigt wird. Die Bereiche steigen mit dem Alter und sind keine starren Grenzen, sondern Naeherungen aus statistischen Ableitungen (Gallagher et al. 2000).
Kann ein Koerperfettanteil auch zu niedrig sein?
Ja. Dauerhaft sehr niedrige Werte koennen laut IOC-Konsens (Mountjoy et al. 2018) zu Hormonstoerungen, Zyklusstoerungen, geringerer Knochendichte und Leistungseinbruechen fuehren. Frauen brauchen einen Sockel an essenziellem Fett von etwa 10-13 %, Maenner etwa 3-5 %. Weniger ist also nicht automatisch gesuender.
Ist der Koerperfettanteil oder das Bauchfett wichtiger?
Die Fettverteilung ist oft aussagekraeftiger als der reine Gesamtanteil. In der Studie von Bigaard et al. (2005) blieb der Bauchumfang auch nach Beruecksichtigung des Gesamtfetts stark mit dem Sterberisiko verbunden. Ein einfaches Massband um die Taille bzw. das Taille-Hueft-Verhaeltnis liefert daher einen eigenstaendigen Hinweis.
Wie genau sind Koerperfett-Messungen zu Hause?
Methoden wie Bioimpedanz-Waagen, Hautfaltenmessung oder Online-Rechner haben einen Messfehler von mehreren Prozentpunkten und schwanken je nach Wasserhaushalt. Sie eignen sich besser fuer Trend-Beobachtungen ueber Wochen als fuer eine exakte Einzelmessung. Messen Sie moeglichst immer zur gleichen Tageszeit unter aehnlichen Bedingungen.
Erhoeht ein hoher Koerperfettanteil das Sterberisiko?
In der Kohortenstudie von Padwal et al. (2016) mit ueber 49.000 Personen war ein hoeherer Koerperfettanteil eigenstaendig mit erhoehter Gesamtsterblichkeit verbunden. Allerdings zeigte sich ein U-foermiger Verlauf: Auch sehr niedrige Werte gingen mit hoeherem Risiko einher. Es handelt sich um Beobachtungsdaten, die Zusammenhaenge, aber keine eindeutige Ursache belegen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an einen Arzt oder eine Ernährungsfachkraft. Mehr dazu in unseren redaktionellen Standards.

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