Heilfasten & Buchinger-Fasten: Was die Evidenz zeigt und wo die Risiken liegen

Von Ruslan Adilgereev16. Juni 20267 Min. Lesezeit

Heilfasten senkt kurzfristig Gewicht und Blutdruck (Buchinger-Studie, 1422 Personen). Doch das Gewicht kommt meist zurück - und nicht jeder darf fasten.

Heilfasten - oft nach der Methode von Otto Buchinger mit Saeften, Bruehe und Tee bei rund 200-400 kcal pro Tag - gilt vielen als Neustart fuer Koerper und Gewicht. Aber was davon ist belegt, und fuer wen ist es riskant?

Dieser Artikel ordnet die Studienlage ein: was Fasten kurzfristig wirklich bewirkt, warum das verlorene Gewicht meist zurueckkommt und welche Gruppen besser nicht fasten sollten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Heilfasten wird von Gesunden meist gut vertragen. In einer grossen Beobachtungsstudie mit 1422 Personen und 4- bis 21-taegigem Buchinger-Fasten berichteten die Teilnehmenden ueberwiegend von Wohlbefinden und nur seltenen, meist milden Nebenwirkungen (Wilhelmi de Toledo, PLOS ONE 2019).
  • Kurzfristig sinken Gewicht und Risikomarker. In derselben Studie fielen Koerpergewicht, Bauchumfang und Blutdruck waehrend der Fastenphase deutlich.
  • Der Gewichtsverlust ist groesstenteils Wasser und Muskelmasse, nicht nur Fett - und kehrt nach Fastenende meist zurueck.
  • Hungerhormone passen sich an und treiben den Jojo-Effekt. Nach starkem Gewichtsverlust bleibt das Hungerhormon Ghrelin erhoeht und das Saettigungshormon Leptin gesenkt - messbar noch ein Jahr spaeter (Sumithran, NEJM 2011).
  • Nicht jeder darf fasten. Schwangere, Stillende, Untergewichtige, Menschen mit Essstoerung, Typ-1-Diabetes oder bestimmten Erkrankungen sollten nicht oder nur unter aerztlicher Aufsicht fasten.

Was sagt die Wissenschaft?

Kurzfristig: gut vertraeglich und messbare Effekte

Die wichtigste verfuegbare Datenquelle zum Buchinger-Fasten ist eine prospektive Beobachtungsstudie der Klinik Buchinger Wilhelmi mit 1422 Personen, die zwischen 4 und 21 Tagen fasteten (Wilhelmi de Toledo et al., PLOS ONE 2019). Das zentrale Ergebnis: Das Fasten wurde von der grossen Mehrheit gut vertragen, schwere Nebenwirkungen waren selten, und das emotionale wie koerperliche Wohlbefinden stieg im Verlauf an.

Gleichzeitig sanken waehrend der Fastenphase Koerpergewicht, Bauchumfang und Blutdruck, und auch Blutfett- und Blutzuckerwerte verbesserten sich kurzfristig. Wer am Anfang erhoehte Werte hatte, profitierte tendenziell am deutlichsten.

Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kontrollgruppe. Sie zeigt, dass Fasten in einem betreuten Setting sicher durchfuehrbar ist und kurzfristig Marker bewegt - sie kann aber nicht beweisen, dass Fasten langfristig besser ist als ein anderes Kaloriendefizit. Genau dort liegt der Haken.

Warum das Gewicht meist zurueckkommt

Bei nur einigen Hundert Kilokalorien am Tag entsteht ein extremes Kaloriendefizit, und die Waage faellt schnell. Ein grosser Teil davon ist jedoch kein Fett, sondern Wasser und entleerte Glykogenspeicher (jedes Gramm gespeicherte Kohlenhydrate bindet rund 3 g Wasser) sowie ein Anteil Muskelmasse. Sobald wieder normal gegessen wird, fuellen sich diese Speicher - und ein Teil der Kilos ist rasch zurueck.

Hinzu kommt eine biologische Gegenregulation. Eine vielzitierte Studie im New England Journal of Medicine (Sumithran et al., 2011) untersuchte Menschen nach starkem Gewichtsverlust durch eine sehr kalorienarme Diaet: Das Hungerhormon Ghrelin war erhoeht, das Saettigungshormon Leptin gesenkt - und diese Veraenderungen waren noch 12 Monate spaeter messbar. Der Koerper signalisiert also lange nach der Kur anhaltenden Hunger. Das ist keine Willensschwaeche, sondern Physiologie - und einer der Hauptgruende fuer den Jojo-Effekt.

Was wirklich langfristig wirkt: Struktur statt Crash

Dass sehr kalorienarme Ansaetze funktionieren koennen, zeigt die DiRECT-Studie (Lean et al., Lancet 2018): Adipoese Menschen mit Typ-2-Diabetes erhielten eine aerztlich begleitete Formuladiaet mit rund 825 kcal ueber mehrere Monate, gefolgt von einer strukturierten Wiedereinfuehrung normaler Kost. Ergebnis: knapp ein Viertel verlor mindestens 15 kg, und 46 % erreichten nach einem Jahr eine Diabetes-Remission (gegenueber 4 % in der Kontrollgruppe).

Der entscheidende Unterschied zum Selbstversuch-Heilfasten: In DiRECT zaehlten nicht die wenigen Fastentage, sondern das begleitete Programm mit Wiedereinstiegsphase und Verhaltensaenderung danach. Eine isolierte Fastenwoche ohne Plan fuer die Zeit danach liefert genau das nicht.


Was heisst das praktisch?

  • Heilfasten als Reset, nicht als Abnehm-Strategie verstehen. Wer fastet, um sich neu zu sortieren oder bewusster zu essen, kann davon profitieren. Wer dauerhaft abnehmen will, braucht danach ein nachhaltiges, moderates Defizit.
  • Den eigenen Bedarf kennen. 200-400 kcal liegen extrem weit unter dem Grundumsatz. Fuer den Alltag danach ist ein moderates Defizit von 300-500 kcal unter dem Kalorienbedarf sinnvoller und besser durchzuhalten.
  • Den Wiedereinstieg planen. Nach dem Fasten nicht abrupt zur alten Ernaehrung zurueck (klassisch sind die Buchinger-"Aufbautage"), sondern langsam und mit ausreichend Protein, um Muskelmasse zu schuetzen.
  • Wer regelmaessig Struktur statt Crash sucht, ist mit milderen Ansaetzen wie dem Intervallfasten meist besser bedient - es ist alltagstauglicher und leichter durchzuhalten.
  • Bei Vorerkrankungen oder Medikamenten vorher aerztlich abklaeren - besonders bei Diabetes oder blutdrucksenkenden Mitteln, da sich die Werte unter Fasten schnell aendern.

Limitationen und Einordnung

  • Die Buchinger-Studie ist eine Beobachtungsstudie ohne Kontrollgruppe und stammt aus der durchfuehrenden Klinik selbst. Sie belegt kurzfristige Sicherheit und Veraenderungen, aber keinen Langzeit-Vorteil gegenueber anderen Methoden.
  • Die meisten Effekte wurden waehrend der Fastenphase gemessen. Ueber den dauerhaften Verlauf von Gewicht und Markern nach Monaten sagt das wenig aus.
  • DiRECT und die NEJM-Studie betrafen ueberwiegend adipoese bzw. stark abnehmende Personen - die Ergebnisse lassen sich nicht ungefiltert auf gesunde Normalgewichtige uebertragen, die "ein paar Kilo" verlieren wollen.

Fuer wen Heilfasten riskant ist

Heilfasten ist ausdruecklich nicht fuer jeden geeignet. Verzichten oder nur unter enger aerztlicher Aufsicht fasten sollten:

  • Schwangere und Stillende
  • Kinder, Jugendliche und untergewichtige Menschen
  • Menschen mit Essstoerung (auch in der Vorgeschichte) - Fasten kann gestoertes Essverhalten verstaerken
  • Menschen mit Typ-1-Diabetes, fortgeschrittenen Leber- oder Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Problemen oder Gicht
  • Wer Medikamente einnimmt, deren Dosis vom Essen oder Gewicht abhaengt (z. B. Insulin, Blutdrucksenker, Blutverduenner)

Fazit

Heilfasten nach Buchinger ist fuer gesunde Erwachsene in einem betreuten Rahmen meist sicher und senkt kurzfristig Gewicht, Blutdruck und einige Stoffwechselmarker - das ist solide belegt. Was es nicht kann: dauerhaft schlank machen. Der grosse Anteil Wasser- und Muskelverlust kehrt nach der Kur zurueck, und die hormonelle Gegenregulation haelt den Hunger ueber Monate hoch.

Wer abnehmen will, gewinnt nicht mit einer Fastenwoche, sondern mit dem, was danach kommt: ein moderates, individuell berechnetes Defizit, genug Protein und ein alltagstauglicher Rhythmus. Und fuer einige Gruppen ueberwiegen die Risiken klar - im Zweifel gehoert Fasten in aerztliche Begleitung.


Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Bei Fragen zu Ihrer Gesundheit oder vor Beginn einer Fastenkur wenden Sie sich bitte an eine Aerztin, einen Arzt oder eine Ernaehrungsfachkraft.

Wissenschaftliche Quellen

  • [1]

    Wilhelmi de Toledo F, Grundler F, Bergouignan A, Drinda S, Michalsen A. "Safety, health improvement and well-being during a 4 to 21-day fasting period in an observational study including 1422 subjects." PLOS ONE, 2019.

  • [2]

    Sumithran P, Prendergast LA, Delbridge E, Purcell K, Shulkes A, Kriketos A, Proietto J. "Long-Term Persistence of Hormonal Adaptations to Weight Loss." New England Journal of Medicine, 2011.

  • [3]

    Lean MEJ, Leslie WS, Barnes AC, Brosnahan N, Thom G, McCombie L, et al.. "Primary care-led weight management for remission of type 2 diabetes (DiRECT): an open-label, cluster-randomised trial." The Lancet, 2018.

Häufige Fragen

Wie viel nimmt man beim Heilfasten ab?
Bei einer mehrtaegigen Buchinger-Kur mit nur 200-400 kcal pro Tag faellt die Waage schnell, oft mehrere Kilo. Ein grosser Teil davon ist aber Wasser und entleertes Glykogen, dazu etwas Muskelmasse - nicht reines Fett. Sobald wieder normal gegessen wird, kehrt ein Grossteil des Gewichts zurueck. Fuer dauerhaftes Abnehmen ist entscheidend, was nach der Kur passiert.
Ist Heilfasten gesund oder gefaehrlich?
Fuer gesunde Erwachsene ist mehrtaegiges Fasten in einem betreuten Rahmen meist gut vertraeglich; eine Studie mit 1422 Personen zeigte ueberwiegend Wohlbefinden und nur seltene milde Nebenwirkungen. Riskant ist Fasten dagegen fuer Schwangere, Stillende, Untergewichtige, Menschen mit Essstoerung, Typ-1-Diabetes oder bestimmten Erkrankungen sowie bei Medikamenten, deren Dosis vom Essen abhaengt.
Warum kommt das Gewicht nach dem Fasten zurueck?
Zum einen war ein grosser Teil des Verlusts Wasser, das sich beim Wiederauffuellen der Glykogenspeicher zurueckholt. Zum anderen passt sich der Hormonhaushalt an: Nach starkem Gewichtsverlust bleibt Ghrelin (Hunger) erhoeht und Leptin (Saettigung) gesenkt - in einer NEJM-Studie noch ein Jahr spaeter. Das treibt den Appetit hoch und beguenstigt den Jojo-Effekt.
Was ist der Unterschied zwischen Heilfasten und Intervallfasten?
Heilfasten (z. B. nach Buchinger) bedeutet mehrere Tage am Stueck fast keine feste Nahrung, nur Saefte, Bruehe und Tee - eine intensive Kur. Intervallfasten verteilt taegliche Essenspausen ueber den Alltag (etwa 16 Stunden Pause, 8 Stunden Essensfenster) und ist deutlich alltagstauglicher und leichter durchzuhalten.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an einen Arzt oder eine Ernährungsfachkraft. Mehr dazu in unseren redaktionellen Standards.

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