Abnehmen in den Wechseljahren: Warum es schwerer wird und was hilft

Von Ruslan Adilgereev16. Juni 20267 Min. Lesezeit

Studien zeigen: In der Menopause verschiebt sich Fett nach innen (viszeral). Krafttraining, mehr Protein und ein moderates Defizit wirken trotzdem.

Viele Frauen erleben rund um die Menopause eine Gewichtszunahme – besonders am Bauch – obwohl sich an Essen und Bewegung scheinbar nichts geaendert hat. Das Gefuehl, der Stoffwechsel sei "kaputt", ist verbreitet. Die Datenlage zeichnet ein differenzierteres Bild: Die Hormonumstellung verschiebt vor allem, wo Fett gespeichert wird, waehrend die eigentliche Gewichtszunahme stark mit dem normalen Altern zusammenhaengt.

Das Wichtigste in Kuerze

  • Der Energieverbrauch faellt nicht abrupt mit der Menopause ab: Eine grosse Analyse von Doubly-Labelled-Water-Daten zeigt, dass der Grundumsatz pro Koerpermasse zwischen etwa 20 und 60 Jahren stabil bleibt und erst ab ca. 60 Jahren langsam sinkt.
  • Der Oestrogenabfall verlagert Fett vom Unterkoerper in den Bauchraum: Der Anteil viszeralen Fetts steigt im Menopausenuebergang messbar an – ein eigenstaendiger Risikofaktor unabhaengig vom Gesamtgewicht.
  • Ab etwa dem 40. Lebensjahr gehen ohne Gegensteuern rund 3-8 % Muskelmasse pro Dekade verloren (Sarkopenie), was den Ruheverbrauch senkt.
  • Krafttraining wirkt: Eine Cochrane-Auswertung belegt Kraftzuwaechse und Erhalt der Muskelmasse bei aelteren Erwachsenen durch progressives Widerstandstraining.
  • Hoehere Proteinzufuhr in einem Defizit schuetzt die Muskelmasse und verbessert die Koerperzusammensetzung – ein zentraler Hebel in dieser Lebensphase.

Was sagt die Wissenschaft?

Der Stoffwechsel bricht nicht ploetzlich ein

Die verbreitete Vorstellung, mit der Menopause "schalte der Stoffwechsel ab", haelt der Messung nicht stand. Pontzer und Kollegen werteten in Science (2021) Daten von ueber 6.400 Personen mittels der Goldstandard-Methode Doubly Labelled Water aus. Ergebnis: Nach Korrektur fuer die fettfreie Masse bleibt der Gesamtenergieverbrauch im Erwachsenenalter zwischen rund 20 und 60 Jahren bemerkenswert konstant und sinkt erst danach um etwa 0,7 % pro Jahr. Die Menopause selbst zeigte keinen eigenen abrupten Knick.

Was sich aendert, ist meist die Muskelmasse: Mit dem Alter verliert der Koerper fettfreie Masse, und genau diese verbrennt im Ruhezustand die meiste Energie. Sinkt sie, sinkt auch der Grundumsatz – aber als Folge des Muskelverlusts, nicht als hormoneller Schalter.

Fett wandert nach innen – das Oestrogen-Problem

Der entscheidende menopausenspezifische Effekt ist die Fettverteilung. In der grossen Laengsschnittstudie SWAN (Study of Women's Health Across the Nation) zeigte sich, dass viszerales Bauchfett im Uebergang zur Menopause deutlich zunimmt – staerker, als es das Alter allein erklaeren wuerde. Der sinkende Oestrogenspiegel verschiebt die Einlagerung vom typisch "weiblichen" Hueft-/Oberschenkelfett hin zum viszeralen Fett im Bauchraum. Dieses Fett umhuellt die inneren Organe und ist metabolisch deutlich unguenstiger: Es ist mit erhoehtem Risiko fuer Insulinresistenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden.

Praktisch heisst das: Selbst bei gleichbleibendem Gewicht kann sich der Taillenumfang vergroessern. Die Waage allein erfasst diese Veraenderung schlecht.

Muskelabbau beschleunigt den Effekt

Ab etwa dem 40. Lebensjahr setzt ein schleichender Verlust an Muskelmasse ein (Sarkopenie). Da Muskulatur den groessten Teil des Ruheverbrauchs ausmacht, verstaerkt ihr Abbau den Eindruck eines "langsameren" Stoffwechsels. Hier liegt zugleich der wichtigste Ansatzpunkt – denn diesem Verlust laesst sich aktiv entgegenwirken.

Ein Cochrane-Review zu progressivem Krafttraining bei aelteren Erwachsenen fand konsistente Verbesserungen von Kraft und koerperlicher Funktion. Widerstandstraining ist damit eine der wenigen Massnahmen, die dem altersbedingten Muskel- und Kraftverlust direkt entgegenwirken.

Protein schuetzt die Muskeln im Defizit

Wer in einem Kaloriendefizit abnimmt, verliert immer auch etwas Muskelmasse – es sei denn, man steuert gegen. Eine hoehere Proteinzufuhr ist hier der wirksamste Ernaehrungshebel. Ein systematisches Review mit Metaanalyse von Kim und Kollegen (2016) zeigte, dass eine erhoehte Proteinzufuhr waehrend einer kalorienreduzierten Diaet bei aelteren Erwachsenen die fettfreie Masse besser erhaelt als eine normale Zufuhr. In Kombination mit Krafttraining ist der Effekt am staerksten.

Eiweiss saettigt zudem gut und stabilisiert so die Kalorienbilanz. Gute Quellen sind Magerquark, Eier, Huelsenfruechte und mageres Fleisch oder Fisch. Ihren individuellen Bedarf koennen Sie mit dem Protein-Bedarf-Rechner abschaetzen.

Was heisst das praktisch?

  • Moderates Defizit statt Crash-Diaet. Ein Defizit von etwa 300-500 kcal pro Tag ist nachhaltig und schont die Muskulatur. Den Ausgangswert liefert der Kalorienbedarf-Rechner.
  • Krafttraining priorisieren. 2-3 Einheiten pro Woche mit progressiver Belastung (Ganzkoerper, grosse Muskelgruppen) wirken dem Muskelverlust direkt entgegen – wichtiger als zusaetzliches Ausdauertraining allein.
  • Protein hochziehen. Etwa 1,2-1,6 g pro Kilogramm Koerpergewicht pro Tag, ueber die Mahlzeiten verteilt, unterstuetzen den Muskelerhalt im Defizit.
  • Taille statt nur Waage messen. Der Taillenumfang bildet die viszerale Fettverschiebung besser ab als das Koerpergewicht allein.
  • Geduld einplanen. Die Veraenderungen verlaufen langsamer als mit 25 – aber dieselben Hebel funktionieren weiterhin.

Limitationen und Einordnung

Vieles in der Forschung beruht auf Beobachtungsstudien (etwa SWAN), die Zusammenhaenge, aber nicht zwingend Ursache und Wirkung belegen. Alter und Menopause ueberlappen zeitlich stark und lassen sich nicht sauber trennen. Individuelle Faktoren wie Genetik, Schlaf, Stress und Medikamente spielen ebenfalls eine Rolle. Die genannten Protein- und Trainingsempfehlungen sind Orientierungswerte; bei Vorerkrankungen oder Fragen zur Hormontherapie ist aerztliche Beratung sinnvoll.

Fazit

In den Wechseljahren ist nicht der Stoffwechsel "kaputt" – er sinkt vor allem ueber den altersbedingten Muskelverlust, waehrend der Oestrogenabfall Fett zunehmend in den Bauchraum verlagert. Genau deshalb verschieben sich die Prioritaeten: Krafttraining gegen den Muskelabbau, ausreichend Protein zum Muskelerhalt und ein moderates, durchhaltbares Kaloriendefizit sind die Hebel, die in dieser Lebensphase besonders zaehlen. Sie wirken weiterhin – sie verlangen nur mehr Konsequenz.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden, Vorerkrankungen oder Fragen zur Hormontherapie wenden Sie sich bitte an Ihre Aerztin oder Ihren Arzt.

Wissenschaftliche Quellen

Häufige Fragen

Verlangsamt sich der Stoffwechsel in den Wechseljahren wirklich?
Nicht so abrupt, wie oft angenommen. Eine grosse Auswertung mit der Goldstandard-Methode Doubly Labelled Water (Pontzer et al., Science 2021) zeigt, dass der Energieverbrauch pro fettfreier Masse zwischen etwa 20 und 60 Jahren stabil bleibt. Der Ruheverbrauch sinkt vor allem, weil mit dem Alter Muskelmasse verloren geht – ein Prozess, dem man mit Krafttraining aktiv entgegenwirken kann.
Warum nimmt gerade das Bauchfett in der Menopause zu?
Der sinkende Oestrogenspiegel verschiebt die Fetteinlagerung vom Hueft- und Oberschenkelbereich hin zum viszeralen Fett im Bauchraum. Laengsschnittdaten der SWAN-Studie zeigen, dass dieser viszerale Anteil im Menopausenuebergang staerker ansteigt, als es das Alter allein erklaeren wuerde. Deshalb kann der Taillenumfang zunehmen, selbst wenn das Gewicht gleich bleibt.
Wie viel Protein sollte ich in den Wechseljahren essen?
Als Orientierung gelten etwa 1,2-1,6 g pro Kilogramm Koerpergewicht pro Tag, gut ueber die Mahlzeiten verteilt. In einer Diaetphase hilft die hoehere Zufuhr, Muskelmasse zu erhalten (Kim et al., 2016). In Kombination mit Krafttraining ist der Effekt am groessten.
Hilft Krafttraining wirklich beim Abnehmen in der Menopause?
Ja, indirekt und direkt. Ein Cochrane-Review belegt, dass progressives Widerstandstraining bei aelteren Erwachsenen Kraft und Funktion verbessert und dem Muskelverlust entgegenwirkt. Mehr Muskelmasse stabilisiert den Ruheverbrauch und verbessert die Koerperzusammensetzung – wichtiger als die reine Zahl auf der Waage.
Reicht ein Kaloriendefizit allein aus?
Ein moderates Defizit von etwa 300-500 kcal pro Tag ist die Grundlage jeder Gewichtsabnahme. Ohne ausreichend Protein und Krafttraining verliert man im Defizit aber auch Muskelmasse, was den Stoffwechsel weiter senkt. Die Kombination aus moderatem Defizit, Protein und Training ist deshalb klar ueberlegen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an einen Arzt oder eine Ernährungsfachkraft. Mehr dazu in unseren redaktionellen Standards.

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