Insulinresistenz und Abnehmen: Was Studien wirklich zeigen

Von Ruslan Adilgereev16. Juni 20267 Min. Lesezeit

Studien zeigen: Bei Insulinresistenz zaehlt vor allem das Kaloriendefizit. DIETFITS fand keinen Vorteil von Low-Carb (Gewichtsdifferenz 0,7 kg, n.s.).

Viele Menschen mit Insulinresistenz hoeren, ihr Koerper koenne wegen des hohen Insulinspiegels gar nicht abnehmen. Das ist so nicht haltbar. Die Studienlage zeigt ein nuechterneres Bild: Insulinresistenz erschwert das Abnehmen vor allem ueber die Energiebilanz, nicht ueber ein magisches Fett-Speicher-Hormon. Und der Gewichtsverlust selbst verbessert die Insulinsensitivitaet wieder.

Das Wichtigste in Kuerze

  • In der DIETFITS-Studie (n=609, 12 Monate) nahmen Low-Fat- und Low-Carb-Gruppen praktisch gleich viel ab; der Unterschied von rund 0,7 kg war statistisch nicht signifikant.
  • Der zuvor vermutete Effekt, dass Insulin-Sekretion oder Genotyp vorhersagen, welche Diaet wirkt, bestaetigte sich in DIETFITS nicht.
  • In der DiRECT-Studie erreichten 46 Prozent der Teilnehmenden durch Gewichtsverlust eine Remission ihres Typ-2-Diabetes nach 12 Monaten (Interventionsgruppe vs. 4 Prozent Kontrolle).
  • In Look AHEAD verbesserte eine intensive Lebensstil-Intervention HbA1c und Fitness; der Gewichtsverlust war der zentrale Hebel.
  • Fazit der Evidenz: Das Kaloriendefizit bleibt der dominierende Faktor, nicht die Wahl zwischen "wenig Kohlenhydrate" oder "wenig Fett".

Was sagt die Wissenschaft?

Die Hypothese, Insulin treibe die Gewichtszunahme unabhaengig von Kalorien (das "Kohlenhydrat-Insulin-Modell"), wurde in kontrollierten Studien getestet. Stationaere Stoffwechsel-Untersuchungen von Hall und Kollegen, bei denen die Kalorienzufuhr exakt kontrolliert wurde, fanden keinen Vorteil isokalorischer Low-Carb-Kost fuer den Fettverlust. Bei strenger Kalorienkontrolle entscheidet die Energiemenge, nicht der Kohlenhydratanteil, ueber den Koerperfettabbau.

Die wichtigste ambulante Studie hierzu ist DIETFITS (Gardner et al., JAMA 2018). 609 uebergewichtige Erwachsene wurden 12 Monate lang randomisiert einer gesunden Low-Fat- oder Low-Carb-Ernaehrung zugeteilt. Beide Gruppen verloren im Schnitt rund 5 bis 6 kg, mit einem nicht signifikanten Unterschied. Entscheidend: Weder die Insulin-Sekretion (gemessen am Insulinspiegel nach Glukosegabe) noch ein vorab definierter Genotyp sagten vorher, wer mit welcher Diaet besser abnahm. Die populaere Idee, Insulinresistente muessten zwingend Low-Carb essen, fand hier keine Stuetze.

Verbessert Abnehmen die Insulinsensitivitaet?

Ja, und zwar deutlich. Die DiRECT-Studie (Lean et al., Lancet 2018) setzte bei Menschen mit Typ-2-Diabetes auf eine kalorienreduzierte Formula-Diaet mit anschliessender Gewichtsstabilisierung. Nach 12 Monaten waren 46 Prozent der Interventionsgruppe in Remission, in der Kontrollgruppe nur 4 Prozent. Der Effekt korrelierte stark mit dem Ausmass des Gewichtsverlusts: Wer mehr als 15 kg abnahm, erreichte zu rund 86 Prozent eine Remission. Das zeigt: Insulinresistenz ist in hohem Mass gewichtsabhaengig und reversibel.

Auch die Look-AHEAD-Studie (NEJM 2013) an ueber 5.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes belegte, dass eine intensive Lebensstil-Intervention mit Gewichtsverlust HbA1c, Blutdruck und Fitness verbessert. Zwar reduzierte sie kardiovaskulaere Ereignisse nicht signifikant, doch die metabolischen Marker einschliesslich der Insulinsensitivitaet besserten sich klar mit dem Gewichtsverlust.

Spielt die Diaetform gar keine Rolle?

Doch, aber anders als oft behauptet. Low-Carb-Ernaehrung kann kurzfristig Blutzucker und Insulinbedarf staerker senken und bei manchen das Saettigungsgefuehl verbessern. Das ist ein realer, nuetzlicher Effekt fuer die Blutzuckerkontrolle. Fuer den reinen Gewichtsverlust ueber Monate gleichen sich die Diaeten aber an, sobald die Kalorien vergleichbar sind. Die beste Diaet ist daher die, die Sie durchhalten und die Ihr Defizit zuverlaessig herstellt. Eiweissreiche Kost hilft dabei doppelt, weil sie saettigt und Muskulatur schuetzt; nutzen Sie dafuer die Makro-Berechnung.

Was heisst das praktisch?

  • Setzen Sie auf ein moderates, nachhaltiges Kaloriendefizit. Ermitteln Sie Ihren Bedarf mit dem Kalorienbedarf-Rechner.
  • Waehlen Sie die Naehrstoffverteilung nach Vorliebe und Alltagstauglichkeit, nicht nach Insulin-Dogma. Wenn Low-Carb Ihnen den Hunger nimmt, ist das ein guter Grund dafuer.
  • Priorisieren Sie Eiweiss und ballaststoffreiche, wenig verarbeitete Lebensmittel, etwa Huelsenfruechte, Gemuese und Vollkorn statt Zuckergetraenken.
  • Bewegung, besonders Krafttraining, steigert die Insulinsensitivitaet unabhaengig vom Gewichtsverlust und sollte Teil des Plans sein.
  • Lassen Sie den HOMA-Index und HbA1c aerztlich begleiten; verfolgen Sie den Verlauf, nicht nur Momentaufnahmen.

Limitationen und Einordnung

Die zitierten Studien betreffen ueberwiegend Erwachsene mit Uebergewicht oder Typ-2-Diabetes; die Uebertragbarkeit auf schlanke Insulinresistente oder das PCO-Syndrom ist begrenzt. DiRECT nutzte eine sehr strukturierte Formula-Diaet mit aerztlicher Begleitung, die nicht jeder im Alltag nachbildet. Individuelle Unterschiede gibt es real, nur lassen sie sich bisher nicht zuverlaessig ueber Insulinwerte vorhersagen. Und Insulinresistenz hat mehr Folgen als nur Gewicht, etwa fuer das Herz-Kreislauf-Risiko, weshalb aerztliche Betreuung wichtig bleibt.

Fazit

Insulinresistenz macht das Abnehmen nicht unmoeglich und erzwingt keine bestimmte Diaetform. Der dominierende Hebel ist das Kaloriendefizit, und der Gewichtsverlust selbst verbessert die Insulinsensitivitaet messbar, wie DiRECT und Look AHEAD zeigen. Waehlen Sie die Ernaehrung, die Sie langfristig durchhalten, achten Sie auf Eiweiss und Bewegung, und lassen Sie Ihre Werte aerztlich begleiten.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Bei Insulinresistenz, Diabetes oder anderen Stoffwechselerkrankungen besprechen Sie Ernaehrungs- und Gewichtsziele bitte mit Ihrer Aerztin oder Ihrem Arzt.

Wissenschaftliche Quellen

  • [1]

    Gardner CD, Trepanowski JF, Del Gobbo LC, et al.. "Effect of Low-Fat vs Low-Carbohydrate Diet on 12-Month Weight Loss in Overweight Adults and the Association With Genotype Pattern or Insulin Secretion: The DIETFITS Randomized Clinical Trial." JAMA, 2018.

  • [2]

    Lean ME, Leslie WS, Barnes AC, et al.. "Primary care-led weight management for remission of type 2 diabetes (DiRECT): an open-label, cluster-randomised trial." The Lancet, 2018.

  • [3]

    The Look AHEAD Research Group. "Cardiovascular Effects of Intensive Lifestyle Intervention in Type 2 Diabetes (Look AHEAD)." New England Journal of Medicine, 2013.

  • [4]

    Hall KD, Bemis T, Brychta R, et al.. "Calorie for Calorie, Dietary Fat Restriction Results in More Body Fat Loss than Carbohydrate Restriction in People with Obesity." Cell Metabolism, 2015.

Häufige Fragen

Kann man mit Insulinresistenz ueberhaupt abnehmen?
Ja. Insulinresistenz blockiert die Gewichtsabnahme nicht. Entscheidend ist ein nachhaltiges Kaloriendefizit. Studien wie DiRECT zeigen sogar, dass der Gewichtsverlust selbst die Insulinsensitivitaet wieder verbessert und Typ-2-Diabetes in einem grossen Teil der Faelle in Remission gehen kann.
Muss ich bei Insulinresistenz Low-Carb essen?
Nicht zwingend. In der DIETFITS-Studie nahmen Low-Carb- und Low-Fat-Gruppen etwa gleich viel ab, und der Insulinstatus sagte nicht vorher, welche Diaet besser wirkt. Low-Carb kann den Blutzucker kurzfristig staerker senken, aber fuer den Gewichtsverlust zaehlt vor allem, dass Sie die Ernaehrung durchhalten.
Was ist der HOMA-Index?
Der HOMA-Index (Homeostasis Model Assessment) ist ein aus Nuechtern-Insulin und Nuechtern-Blutzucker berechneter Wert, der die Insulinresistenz abschaetzt. Ein hoeherer Wert deutet auf staerkere Insulinresistenz hin. Er dient der aerztlichen Verlaufskontrolle und sollte nicht isoliert interpretiert werden.
Verbessert Abnehmen die Insulinsensitivitaet wirklich?
Ja, und der Effekt ist gut belegt. In DiRECT erreichten 46 Prozent der Teilnehmenden durch Gewichtsverlust eine Diabetes-Remission, wobei groessere Gewichtsverluste mit hoeheren Remissionsraten einhergingen. Auch Bewegung, besonders Krafttraining, steigert die Insulinsensitivitaet.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an einen Arzt oder eine Ernährungsfachkraft. Mehr dazu in unseren redaktionellen Standards.

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